Chinas Wirtschaft trotzt vor der Wirtschaftskriese

Der zuletzt ermattete Wachstumsriese China ist auferstanden. Erstmals seit zwei Jahren hat sich das Wachstum der Volkswirtschaft wieder beschleunigt: Das Bruttoinlandsprodukt im Reich der Mitte legte im zweiten Quartal um 7,9 Prozent zu.

chinatime2008

HB PEKING. Die Zunahme war deutlich stärker als im ersten Quartal mit 6,1 Prozent. “China ist der Weltwirtschaft ein bis zwei Schritte voraus”, kommentierte Unicredit-Ökonom Andreas Rees. Während sich in den USA und Europa das Frühlingserwachen erst zaghaft in harten Daten widerspiegele, gebe die chinesische Wirtschaft bereits wieder Vollgas. Zuletzt hatte das vor allem die Industrie bestätigt: Die Produktion legte im Juni um knapp elf Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, nach einem Zuwachs um annähernd neun Prozent im Mai.

Maßgeblich für die Konjunkturerholung war die kräftige Ausweitung der Kreditvergabe und das staatliche Investitionsprogramm. Die chinesische Regierung hatte ein mehr als 400 Mrd. Euro schweres Konjunkturprogramm aufgelegt. Die unerwartet kräftigen Wachstumsraten im zweiten Quartal sind nicht nur für die Asiaten eine gute Nachricht. Zahlreiche Ökonomen verknüpfen damit die Hoffnung, dass sich die chinesische Wirtschaft zum Schrittmacher der Weltwirtschaft entwickelt.

Bereits im Frühjahr hatte Weltbank-Chef Robert Zoellick die Ansicht vertreten, dass das chinesische Wirtschaftswachstum eine Kraft sein könne, die die gesamte Weltwirtschaft aus der Rezession führe. “Die aktuellen Wirtschaftsdaten aus dem Reich der Mitte scheinen dies nun zu bestätigen”, kommentierten UBS-Volkswirte.

Die weltweite Hoffnung stützt sich nicht allein auf China. Der gesamte asiatische Wirtschaftsraum hat zuletzt mit positiven Nachrichten auf sich aufmerksam gemacht – und könnte sich damit erstmals vor den USA von einer globalen Krise erholen. So hatte sich die asiatische Handelsmetropole Singapur aus ihrer Schockstarre gelöst und war im zweiten Quartal aufs Jahr hochgerechnet überraschend stark um 20,4 Prozent gewachsen. Auch spricht für die Stärke der chinesischen Wirtschaft – und gegen den Einwand, die chinesischen Daten seien unzuverlässig – aus Sicht von Ökonomen, dass sich beispielsweise Japans Ausfuhren nach China zuletzt spürbar erholt haben.

Von dem Wiedererstarken Asiens dürfte auch die exportlastige deutsche Wirtschaft profitieren. Mit zwölf Prozent ging 2008 ein größerer Anteil von Waren “made in Germany” nach Asien als in die USA.

Die Triebfedern des chinesischen Wachstums – eine kräftige Ausweitung der Kreditvergabe und des staatlichen Investitionsprogramms – bergen aus Sicht von Experten auf mittlere Sicht allerdings auch erhebliche Gefahren. Zum einen dürften nicht alle der jetzt vergebenen Kredite aus betriebs- und volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll sein, zum anderen bestehe die Gefahr spekulativer Übertreibungen am Aktienmarkt, warnt Unicredit-Ökonom Rees. “China begibt sich über kurz oder lang in die Gefahr, faule Kredite im Bankensektor anzuhäufen”, warnt er.

Die chinesische Wirtschaftspolitik dürfte ein konjunkturelles Auf und Ab zur Folge haben, erwartet Deutsche-Bank-Ökonom Thomas Mayer. Nach einer Phase expansiver Fiskal- und Kreditpolitik werde die Regierung die Reißleine ziehen, um nach einer Wachstumsabschwächung erneut Gas zu geben. Trotz dieses Zickzackkurses vermutet Mayer, “dass eine positive Exportnachfrage für andere Länder abfällt”.

Selbst ein Sprecher des chinesischen Statistikamtes warnte jedoch, trotz des höheren Wachstumstempos sei die Grundlage für eine Konjunkturerholung noch schwach. Auch die Weltbank hatte kürzlich gemahnt, Chinas Wachstum beruhe in diesem Jahr fast nur auf dem staatlichen Konjunkturprogramm und sei keineswegs gesichert. Um dauerhaft wachsen zu können, müsse sich die stark exportorientierte Wirtschaft zu einer Konsum- und Servicegesellschaft wandeln, was nur gelingen könne, wenn der Wandel von einer Reform der Finanzmärkte und dem Aufbau eines Sozialsystems flankiert werde.

Experten sind optimistisch: Heute lebten bereits rund 40 Prozent der Chinesen in Städten, 2030 seien es voraussichtlich 60 Prozent, sagt UBS-Ökonom Projit Chatterjee. Dieser Trend führe grundsätzlich zu einer Einkommensverbesserung und damit zu mehr Konsum. “Durch diese Entwicklung könnte der private Konsum den Export als Wachstumstreiber mittelfristig ersetzen.” Im ersten Vierteljahr war die Wirtschaft um 6,1 Prozent gewachsen. Der Anstieg im zweiten Quartal lag über den Erwartungen der Wirtschaftswissenschaftler von 7,5 Prozent. Im ersten Halbjahr habe das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorjahr um 7,1 Prozent zugelegt, teilte das staatliche Statistikamt am Donnerstag mit.

Die Verbraucherpreise gingen im Juni um 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und in ersten Halbjahr um 1,1 Prozent zurück. Die Erzeugerpreise lagen im Juni um 7,8 Prozent und im ersten Halbjahr um 5,9 Prozent unter den Werten des Vorjahres. Die Preisrückgang halte an, darauf müsse geachtet werden, erklärte das Statistikamt. Die Wachstumsrate sei niedriger als das Potenzial. Die Basis für eine wirtschaftliche Erholung sei noch stets schwach. Die Erholung sei unausgewogen, daher gebe es noch Unsicherheitsfaktoren für den Erholungsprozess.

China hat ein Konjunkturprogramm von vier Billionen Yuan, umgerechnet rund 585 Milliarden Dollar, aufgelegt. Dies soll zusammen mit einer Rekord-Kreditvergabe dazu führen, das Regierungsziel von acht Prozent Wachstum zu schaffen.

Quelle: WiWo

Filed Under: 綜合

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